Rezensionen und Besprechungen  
 

Friedrich Nietzsche "Also sprach Zarathustra" (1883)

Richard David Precht
"Wer bin ich - und wenn ja, wie viele"

Lawrence Norfolk "Lemprière´s Wörterbuch"

Wilhelm Busch

Knigge "Über den Umgang mit Menschen"

Friedrich Nietzsche (1844 - 1900)
Jenseits von Gut und Böse, 1886
Verlag Philipp Reclam jun., Stuttgart 1988

T.Coraghessan Boyle „Wassermusik“

Renate Feyl "Der lautlose Aufbruch"


 

Bevor ich mich hier zu Nietzsches Schriften äußern kann, muss ich gestehen, dass ich den Berg aus Vorurteil und daraus resultierender Abneigung, der mir als nicht zu bewältigendes Hindernis den Zugang zu ihnen versperrte, nur mit Hilfe eines ausgezeichneten Freundes überwinden konnte. Die Idee von Nietzsche als dem Züchter des Übermenschen, dem Frauenfeind und dem Ideologen der Nazis war mir beigebracht und anerzogen, und es bedurfte eines wirklich starken Antriebes, ihn unbefangen zu lesen. Inzwischen allerdings möchte ich ihn in meiner Bibliothek nicht mehr missen. Es macht Spaß, Nietzsche beim Denken zuzuhören. Man hört ihn wirklich, wenn man ihn liest. Wer immer Nietzsche als den Poeten unter den Philosophen bezeichnet hat – er hatte recht. Nietzsche macht keinen Hehl aus sich. Es sind seine Gedanken, die hier erscheinen, und es sind seine Worte, sie sich hier Gehör verschaffen. Worte, die in die Tiefe dringen und bis in die Ferne reichen; die aus der Tiefe und ganz nah heran kommen. Erkenntnisse und Ideen eines Denkers, der den Mut hat, an Jahrtausende alten Holzwegen zu nagen und Visionen zu zeigen, in denen sich der mangelhafte Mensch zu Größe erhebt; zu einem Menschen wird, der die ganze Dummheit des zwanghaft Verkleinernden abgelegt hat, um zu einem Über-Menschen zu werden. Oder, um das leidige Wort zu vermeiden: Zu einem weiter- und fortentwickelten, zu einem selbständigen Menschen.
„Oh Voltaire! Oh Humanität! Oh Blödsinn!“
Darf ein Philosoph so reden?
Nietzsche tut es. Er kritisiert, zeigt mit dem Finger, er schimpft und wettert, er entblößt und stellt ins Licht, und er tut all dies nicht nur mit klugen Worten sondern auch mit fantastischer Treffsicherheit, die ihn Werte und Wunden gleichermaßen zielgenau entdecken lässt. Dass er dabei so herrlich kompromisslos ist; so ganz und gar unangekränkelt vom endlosen Beziehungsweise, vom Andererseits; macht seine Texte ungemein erfrischend. Er schert sich nicht um Rück- und Vorsichten. Er fischt im grauen Daseinstopf nach Schwarz und Weiß, begreift die Gegensätze und lässt sie als Gegensätze bestehen. Wohl hat man manchmal das Gefühl, Nietzsche widerspräche sich selbst. Doch eigentlich fällt es nicht schwer zu merken, dass er dann am selben Gleichnis von anderen Dingen spricht. Wer sich aufgeweicht und angefressen fühlt von ewiger Dialektik, vom esoterischen Wurm der All-Einheit, von fader Zauberkunst auf Quantenniveau, der wird in Nietzsches Schriften eine wohltuende Kur finden; der wird lachen, froh über die Erkenntnis, wie gut es tut, endlich wieder eine eigene Meinung haben, endlich wieder selbst, auch endlich wieder ein bisschen radikal sein zu dürfen.

 
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