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Energie-Junkies

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Friedrich Nietzsche "Also sprach Zarathustra" (1883)

Richard David Precht "Wer bin ich - und wenn ja, wie viele" - Besprechung Teil I

Richard David Precht "Wer bin ich - und wenn ja, wie viele" - Besprechung Teil II

Lawrence Norfolk "Lemprière´s Wörterbuch"

Wilhelm Busch

Knigge "Über den Umgang mit Menschen"

Friedrich Nietzsche „Jenseits von Gut und Böse“

T.Coraghessan Boyle „Wassermusik“

Renate Feyl "Der lautlose Aufbruch"

 
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Was hat 1.532 Seiten und wiegt so etwa 1,5 kg? Richtig. "Krieg und Frieden" heißt das Buch. Ich bin erst auf Seite 504 und finde, es gehört nicht umsonst zur Weltliteratur. Tolstoi schreibt opulent, farbenprächtig und spannend; seine Figuren leben und handeln innerhalb ihres weit gespannten Beziehungsnetzes; es mangelt nicht an tiefsinnigen Betrachtungen zu Moral und Gesellschaft, und doch macht die ganze Sache einen relativ nüchternen Eindruck. Das meine ich als Lob. Man fiebert und leidet nicht mit den Akteuren, weil man selbst mit dem, irgendwie immer präsenten, Erzähler weit über dem Erzählten schwebt und die Geschichte sozusagen aus der Vogelperspektive wahrnimmt.
Da ist nichts überzuckert oder in Blut gebadet, weil Zucker und Blut nur Worte sind, die eben Zucker und Blut bedeuten. Erzählkunst.
So schön es ist, mit dem Erzähler zu schweben - das Buch selbst schwebt nicht. Und seine geschätzten anderthalb Kilo verwandeln sich schnell in gefühlte fünf, wenn man es, auf dem Rücken liegend, als Bettlektüre in Leseentfernung (Altersweitsicht!) über dem Kopf hält. Möglichst noch in nur einer Hand und mit den Fingern die Seiten auseinanderhaltend. Da wird man schneller müde als man denkt. Und man denkt, ob die e-books wirklich so eine dumme Sache sind, wie man immer dachte. Klar möchte man kommunizierende Elektronik noch weniger gerne im Bett haben als eine Heizdecke, aber wäre es nicht manchmal doch praktisch? 1.532 Seiten auf einer handlichen Anzeige, und die Schriftgröße kann man der Sichtigkeit anpassen; selbst Hellsehen und Schwarzsehen lassen sich bequem per Knopfdruck oder Touchscreen bedienen. Auch eine Leselampe würde überflüssig. Na?
Nein! Ich halte das Gewicht und nehme den Muskelkater in Kauf. Wenn es gar nicht mehr geht, dann lese ich das Buch eben sitzend am Tisch und küre mir eine andere, leichtere Nachtlektüre. Aber kein e-book!
Nun könnten Sie sagen, Was für ein fortschrittsfeindlicher Neuerungsmuffel. Und Sie hätten sogar teilweise Recht. Meine kind- und jugendliche Begeisterung für alles Ferngesteuerte, Automatische und Elektrische ist Stück für Stück dahingeschmolzen, seit ich immer öfter erleben musste, dass der ganze Kram sich nicht mehr oder nur noch von teuren Spezialisten reparieren lässt. Seit ich erkannte, dass uns das Gerümpel nicht befreit sondern in Abhängigkeiten bringt. Sogar Kabel werden heute nämlich so hergestellt, dass man sie unmöglich selber löten kann. Denken Sie nicht, dass die Industrie die Hälfte des Kupfers durch Kunststoff ersetzt, um die Dinger flexibler und haltbarer zu machen. Ich habe Kabel in einer Wühlkiste, die sind älter als ich. Sie sind weich und biegsam und lassen sich löten wie verückt, und wenn man sie zerschneiden will, braucht man scharfes Gerät. Modernes Zeug?: Noch bevor die erste Batterie leer ist, hat sich die Isolierung des Lautsprecherkabels zurück in Erdöl verwandelt. Aber das macht nichts, weil die Stecker inzwischen sowieso einen Wackelkontakt haben. Apropos Batterie: In die Erfindung von Batteriefächern, in die keine Batterie mehr passt, die auch nur eine andere Farbe hat als die "Original"-Batterie, wird mehr Kreativität gesteckt als in das ganze Gerät. Ist kaputt? Schmeiß weg, kauf neu!
Aaaaber nicht mit mir!, wie Loriot sagen würde.
In unserem Bücherregal stehen, unter anderen, Bücher, die fast zweihundert Jahre alt sind. Und - fertigmachen zum Staunen! - es steht immer noch genau dasselbe in ihnen wie am ersten Tag. Wie wäre das wohl, wenn sie vor zweihundert Jahren als e-book erschienen wären? Reden wir gar nicht von Schriftart oder Seitengestaltung. Reden wir von Inhaltlichem. Jede sogenannte Rechtschreibreform würde sich zeitnah im Text wiederfinden. Eben lasen Sie in Ihrem Robinson Crusoe noch, dass er mit einem Experiment badengegangen sei, und plötzlich ist er mit ihm baden gegangen. Okay, werden Sie sagen, aber das fällt den meisten ja doch nicht auf. Zugegeben. Außerdem ist mir klar, dass Sprache etwas Lebendiges ist. Sie entwickelt sich, vermischt sich mit anderen Sprachen, nimmt neue Begriffe in sich auf und schöpft bisher noch unbekannte Wörter für bis dato unbekannte Dinge; ihre Dynamik ändert sich mit ihrem Gebrauch im Alltag, und all das muss sich nach und nach auch in ihren Normen und Regeln wiederfinden. Wenn genügend Leute über einen genügend langen Zeitraum ein Wort immer wieder fehlerhaft schreiben oder einen Satz immer wieder fehlerhaft konstruieren, dann ist es möglicherweise ökonomischer, Falsch für Richtig zu erklären als den Sprachunterricht an Schulen und Universitäten zu verbessern. Darüber kann man verschiedener Meinung sein, aber alles in allem ist es ein natürlicher Prozess.
Vollkommen unnatürlich und geradezu absurd ist es aber, wenn sich gelangweilte Politiker und sich vor Arbeitslosigkeit fürchtende Sprachwissenschaftler hinsetzen und sich - fernab aller Praxis - neue Regeln aus den Fingern saugen, um sie den Sprechenden und Schreibenden dann per Gesetz aufzuzwingen. Möglicherweise entwickelt sich Sprache auch auf eine solche Art. Doch diese Art ist krank und macht die Sprache krank. Aber so wird es heute gemacht.
Wäre das alles nur irrsinnig, könnte man seine Witze darüber reißen. Doch wer sich die Mühe macht, unter die Narrenkappe zu schauen, wird bald erkennen, dass da nicht etwa harmlose Spaßmacher sitzen, sondern knallharte Ideologen. Sprache als Verständigungswerkzeug zur eindeutigen Übermittlung von Gedankeninhalten? Viel zu gefährlich! Wenn die Chance bestünde, per Rechtschreib- und Grammatikregel ein "Auf in den Kampf!" zum "Ugh ugh!" zurückzureglementieren, würden sie es tun, und bestimmt denken sie schon längst darüber nach, wie es funktionieren könnte. Vielleicht schaffen sie es nicht. Aber genug haben sie auf alle Fälle schon geschafft, um nicht zu sagen, verbrochen.
Dabei fällt mir aus aktuellem Anlass ein, dass die Mimik ein ebenso wichtiges Mittel der Kommunikation ist wie die Sprache. Nun, die Mimik dafür völlig unbrauchbar zu machen, hat man sich etwas ebenso Simples wie Wirksames einfallen lassen: Die Maskenpflicht.
Zurück zum Thema. In Ihrem Robinson-e-book würden also alle offiziellen Sprach- und Schreib- und Benimmregeln immer fein umgesetzt zu lesen sein. Inzwischen, nach zweihundert Jahren also, hieße Robinson längst nicht mehr Robinson, weil, nun "...son" ist ja Englisch und heißt Sohn. Was ist denn aber mit den Töchtern?! Häh?! Dürfen die nicht eine ebenso wichtige Rolle spielen wie die Söhne? Oder wie?! Oder was?! Also heißt Ihr Robinson nun Robinmen oder Robinpeople. Okay, Robinpeople hopst also auf seiner Insel herum und trifft eines Tages ...- nein, nicht auf Kannibalen, die sich einen Neger braten wollen, sondern auf einen Stamm von EingeborenInnen, die eben ihren stark pigmentierten, bildungsfernen Gast zur Stätte der Ausführung einer kulturell durchaus bewahrenswerten Zeremonie führen.
Lustig? Ja, aber nur, wenn Sie wissen, dass es lustig ist. Zweihundert Jahre nach dem e-bookigen Erscheinen Ihres Robinsons würden Sie die Geschichte von Robinpeople für bare Münze nehmen. Sie hätten einen gender- und socialcorrecten Robinson vor sich, aus dem alle sexuell und ethnisch anstößigen Begriffe verschwunden sind. Einen Robinson, in dem keine schwierigen Wörter vorkommen, die man womöglich, auf die Gefahr hin, seinen Horizont zu erweitern, erst nachschlagen muss. Einen Robinson, der eventuell auch gar niemals Schiffbruch erlitten hat; denn die Industrie hat ein paar mächtige Finger in den Superverlagen und findet Schiffbruch nicht gut. Auch wird in Ihrem Buch stehen, dass Robinpeople auf seiner Insel solchen Erfolg hatte, weil die Körner, die er auf seine Felder streute, sorgsam genmanipuliert waren und durch Kreuzung mit Vogelscheuchen-Erbgut ganz von selbst in der Lage waren, plündernde Krähen zu verjagen.
Machen wir es kurz: In einem e-book kann und wird jeder rechtlich nicht geschützte Text willkürlich und nach Belieben verändert werden. Und früher oder später verliert jeder Text diesen Rechtsschutz. Dann macht es ein einziger Knopfdruck möglich. Aus Hinz wird Kunz, aus A wird B, aus Falsch wird Richtig. Sprache ist so ein mächtiges Werkzeug!
Da stieß ich doch letztens im "Kulturfahrplan" von Werner Stein (F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung München - Berlin - Wien, 1974) auf folgende Notiz zu politischen Begebenheiten aus dem Jahr 1945: "Zweifacher nächtlicher Luftangriff auf Dresden zerstört die Stadt und fordert große Opfer (Angriff dient zur Unterstützung des sowjet. Vormarsches)"
Merken Sie, was hier durch gezielte Weglassung stattfindet? Wenn man das ahnungslos und unwissend liest, weiß man sofort, dass es die Russen waren, die Dresden zerbombten, nicht wahr? Dieser Eindruck ist gewollt. Dass es englische Flieger waren, die da alles kurz und klein bombten, und nicht etwa die Russen, ist so eine kleine Nebensache, die man in einem Nachschlagewerk ruhig unterschlagen darf ...- einem Nach-unter-schlagewerk.
Das passiert in gedruckten Werken, die man, vielleicht, in besseren Zeiten einmal für ihre Fehler oder Weglassungen zur Verantwortung ziehen kann. Die Möglichkeiten, die Inhalte von e-books straflos zu manipulieren, sind dagegen immens. Und kinderleicht zu bewerkstelligen. Ihr Gerät wird es schlucken, weil es sich ja immerzu brav updatet. Und so würde eines Tages Kant die Existenz Gottes bewiesen und Marx das Kapitalistische Manifest geschrieben haben ...- wenn es die richtigen, echten Bücher nicht noch gäbe.
Und deshalb kommt mir kein e-book ins Haus.

24. Oktober 2020