(Dieser Vortrag wurde am 11. Februar 2015 um 15.45 Uhr im Haus Litzbrück in Düsseldorf/Angermund vor Mitgliedern der Vereinigung pensionierter Führungskräfte der Mannesmann DEMAG Aktiengesellschaft und Gästen gehalten.
Alle Rechte an Text und Bild liegen bei BuHch Kunst & Literatur, Ingeborg Elisabeth & Timo Dillner. Nachdruck - auch auszugsweise - nur unter Angabe des Namens des Verfassers und vollständiger Nennung der Quelle.)



Was ist Kunst?


Ich erkläre mit dem Folgenden nicht nur, dass man diese Frage stellen darf und warum man es sogar muss, sondern behaupte obendrein, dass es möglich ist, sie ganz eindeutig zu beantworten. Und mehr als das: Ich gebe diese Antwort sogar - was freilich kaufmännisch unklug, da es, wie wohl jeder Teilnehmer eines einigermaßen kostspieligen Kurses herausgefunden hat, stets lukrativer ist, lediglich das Versprechen einer Antwort zu verkaufen.
Möge man dies als Zeugnis dafür nehmen, dass es mir mit der Frage ernst und mit ihrer Beantwortung wichtig ist.
Man wird erstaunt feststellen, dass ich in einer Sache Erfolg haben konnte, an der sich seit Jahrzehnten wichtig redende Fachleute bisher vergeblich versucht haben wollen ...- dabei war nur ein einziges Hindernis aus dem Weg zu räumen. Freilich ein Hindernis, das so riesig und formatfüllend vor dem Thema stand, dass man es gar nicht mehr wahrnahm: Man darf nicht davon ausgehen, dass alles, was heutzutage Kunst genannt wird, auch tatsächlich Kunst ist. Wer dies als Basis für seine Untersuchungen nimmt, muss zwangsläufig scheitern, weil es ihn zwingt, nicht nur unbekannte Variablen sondern massenhaft peinliche Irrtümer und vor allem eine Unzahl faustdicker Lügen in seine Berechnungen zu integrieren ...- die Antwort, die eine so gefundene Formel gibt, wird bestenfalls nutzlos sein.
Was ich verlange oder mir möglicherweise wünschen darf, ist, zu einem Publikum zu reden, das nicht jedes Wort für die lautere Wahrheit hält, wenn es nur in einer Zeitung oder im Internet steht oder übers Fernsehen verbreitet wird; zu einem kritischen Publikum, das die Erkenntnisse eigenen Begreifens über die Autorität von Titeln und amtlich gestempelten Zertifikaten stellt. Auch der heute so selbstverständlich genutzte Kleinste Gemeinsame Nenner, der Preis für eine Sache, ist absolut unbrauchbar als Maßstab für deren Qualität. Praxen, nach denen Sammler Exponate ihrer eigenen Kollektionen zur Versteigerung anbieten und anonym zu astronomischen Summen selbst ersteigern, um den Gesamtbestand ihrer Sammlung dadurch aufzuwerten, sind an der Tagesordnung. Und ebenso normal sind Fälle, in denen eindeutig erkannte Fälschungen unter die Ausstellungsstücke renommierter Galerien geschmuggelt und dann, mit deren Etikett als Zeichen der Authentizität versehen, zu Preisen verkauft werden, die jeden nachträglichen Zweifel zum finanziellen Selbstmord werden lassen.
Geld ist - und ich werde später deutlicher und ausführlicher darauf eingehen - nicht nur ein unbrauchbares Kriterium für die Definition von Kunst sondern der überhaupt eigentliche Grund für die scheinbare Unmöglichkeit, Kunst zu definieren.
So schwer es auch fällt: Wir müssen akzeptieren, dass ein bezahlter Verkaufspreis von mehreren Hunderttausend oder gar Millionen für eine durchschnittliche Tonne Haushaltsmüll diese Tonne noch lange nicht zu Kunst macht! Auch dann nicht, wenn der Verkauf über den Tresen eines Auktionshauses oder einer Galerie abgewickelt wird. Auch dann nicht, wenn die Summe als Ausgabe für Werbungskosten anteilig von der Steuer abgesetzt werden kann. Auch dann nicht, wenn der Professor Doktor eines bekannten Kunstmagazins darüber berichtet und behauptet, es seien wieder einmal neue Maßstäbe gesetzt worden. Nicht einmal dann, wenn eine ganzseitige Abbildung in Farbe und eine komplette Biografie des Müllmannes abgedruckt oder der Name der Stadt New York erwähnt wird. Nein! All dies hat kein anderes Ziel als die Auflagenhöhe der Zeitung zu steigern. Und es wird auch dann nicht wahrer, wenn schließlich alle Leser daran glauben.
Leider verhält es sich mit dicken Büchern, die Titel wie "Die spektakulärste Kunst des 21. Jahrhunderts" tragen, ganz ähnlich. Dass es sich möglicherweise bei einem Großteil der darin abgebildeten Werke tatsächlich um Kunst handelt, macht die anderen nicht unbedingt ebenfalls zu welcher, obwohl der Versuch, den Betrachter (und vielleicht eventuellen Käufer) hereinzulegen, fast immer erfolgreich ist.

Ich kenne den Einwand, die Kunst dürfe nicht in die Zwangsjacke einer Definition gepresst werden und müsse ihre Freiheit behalten dürfen, genau. Ich weiß auch, dass dieser Einwand dem ganz und gar nachvollziehbaren Bedürfnis des Menschen entspringt, wenigstens irgendwo, irgendwie auf dieser Welt doch noch den Lichtblick einer wirklichen Freiheit zu erhaschen. Denn wo sonst, wenn nicht in der Kunst?!
Allerdings entspringt die Erscheinung der hier gesehen geglaubten Freiheit leider nur einer wunschgeträumten Illusion: Die Kunst ist nie frei gewesen, und niemals weniger frei als heutzutage!

Die einzigen Freiheiten, die durch die von mir gefundene Definition tatsächlich eingeschränkt werden, sind die Freiheiten der sogenannten Fachleute und Spezialisten - ihre Freiheit beispielsweise, willkürlich und nach bloßem Gutdünken über Künstler, Kunstwerke und deren Wert zu urteilen; ihre Freiheit, unanfecht- und unkritisierbar ganz persönliche Meinungen und Wertmaßstäbe zu universell gültiger Norm zu erklären. Und auch die Freiheit des unvoreingenommenen Kunstfreundes, zu meinen, Kunst sei, was ihm gefiele, wird es nicht mehr geben. Denn was ihm gefällt, können unzählige Dinge sein - sich die Zähne mit Zahnseide zu säubern oder abends durch den Park zu wandern, gelegentlich den Mantel weit zu öffnen und Buh! zu rufen ...- nur weil es ihm gefällt, wird noch lange keine Kunst daraus.

Es ist mit der Kunst wie mit dem Spiel der Könige, dem Schachspiel. Gibt es Regeln, die deutlicher und strenger sind als die dieses Spieles? Und dennoch wird wohl niemand sagen, dass Schach durch sie seine Freiheit verlöre, die Züge vorhersehbar und langweilig würden. Im Gegenteil.
Doch die aktuelle Situation um die Kunst ist mit einem von allen Regeln und Zwängen "befreiten" Schachspiel zu vergleichen. Hier und dort mag es noch eine besonders schön geschnitzte Figur, es könnte auch Sammler von Springern oder Läufern geben; das Spielbrett könnte noch so herrlich mit Intarsien ausgelegt sein - nur das Spiel selbst wäre ohne Regeln vollkommen sinnlos und nicht spielbar.
Auf der anderen Seite sei betrachtet, dass die genialste Partie Schach mit Linien im Sand und 32 simplen Kieselsteinen gespielt werden kann, wenn man alle Regeln beachtet. Wer nun, zusätzlich zur Beachtung und Beherrschung dieser Regeln, sein Augenmerk auf besonders schöne Figuren und ein außergewöhnlich originell gestaltetes Brett legt, kann das Vergnügen am Spiel noch immer nach Belieben steigern.
Wer, andererseits, meint, er dürfe sich über die Regeln hinwegsetzen, willkürlich festlegen, wie und wohin sich die Figuren bewegen, die Anzahl seiner Spielfelder dem Zufall überlassen ...- Nun, ich kann nicht behaupten, tolerant genug zu sein, diesen Menschen als Schachspieler zu betrachten.

Die Freiheit braucht Regeln!

Die Formel, deren Entstehung und genauen Wortlaut ich darstellen will, tut, wie alle Formeln, nichts von allein. Sie muss, einschließlich aller Elemente, die sie beinhaltet, begriffen werden und ihre Anwendung will geübt sein.

Um jedoch zu hoch gespannten Erwartungen vorzugreifen, möchte ich sagen, dass meine gefundene Definition Ihnen nicht auf Anhieb und mühelos erlauben wird, den Wert oder Rang eines Kunstwerkes abzuschätzen. Doch allein das Wissen um die Antwort auf die Frage "Was ist Kunst?" wird jedem beliebigen Ausstellungsstück bereits entweder ein Ja oder ein Nein zuerkennen können. Ob es sich dann als ein ganz großes oder doch nur als ein winzig kleines Ja herausstellt, wird tieferes Eindringen und gründlichere Forschung erfordern. Doch anhand meiner gefundenen Kriterien werden Eindringen und Forschung nachvollziehbare und glaubwürdige Ergebnisse zeitigen.

Und jetzt: Was ist Kunst?

Ich könnte einige Stunden der heutigen Zeit damit füllen, Künstler und Kunstwissenschaftler zum Thema Kunst zu zitieren. Zeit, um die es schade wäre, wenn wir wirklich herausfinden wollen, was Kunst eigentlich ist. Denn nicht ein einziges der Zitate würde uns aufklären, sondern lediglich Auskunft über verschiedene, ganz persönliche, Meinungen und Ansichten geben.
Ich dagegen will mit folgenden Worten Wichtigeres erreichen, und ich möchte Ihnen mit diesen Worten Anregung und Gelegenheit geben, an der Herstellung eines Werkzeugs mitzuarbeiten, das es möglich macht, Kunst zu erkennen und sie von anderen Gegenständen oder Lebensäußerungen, gleich welcher Art, zu unterscheiden. Manch einen privaten Sammler könnte ein solches Hilfsmittel davor bewahren, selbsternannten Spezialisten auf den Leim zu gehen und auf ihren Rat hin Unsummen seines Geldes für Dinge auszugeben, von denen er nichts versteht. Und so manche Verwaltung und Regierung müsste sich verständlichere und nachvollziehbarere - bessere - Begründungen für die Verwendung öffentlicher Mittel zu Kunstankäufen ausdenken, denn jeder wird einschätzen können, ob es sich bei dem, worum dort gehandelt wird,
tatsächlich um Kunst handelt.
Am Schluss meiner Ausführungen werden jedenfalls auch Sie wissen können, was Kunst ist.
Dieses Wissen kann jedem - ob er sich mit dem Thema als Schaffender oder als Genießender befasst - eben wie ein Werkzeug dienen. Ich will nicht verheimlichen, dass es ein schneidendes, verletzendes Werkzeug ist. Aber das muss es sein, wenn es das verwahrlost wuchernde Areal, als das sich uns die Landschaft Kunst gegenwärtig darbietet, zu dem prächtigen Garten zu formen in der Lage sein will, zu dem es das Potential hat, und das meiner Meinung nach auch seine Bestimmung ist.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele vor einem solchen Werkzeug zurückschrecken. Da gibt es allerlei Gründe: So mancher hat Angst, lauschige Winkel stiller Schönheit, die inmitten der Verwahrlosung versteckt sein mögen, durch einen Eingriff zu zerstören. Die Möglichkeit, ungekannten Zusammenhängen durch Wegnahme einer scheinbar überflüssigen Komponente ihre Grundlage zum Weiterwirken zu entziehen, dräut anderen wie eine finstere Wolke am Horizont. Die allermeisten jedoch haben sich an das verwahrloste Areal gewöhnt; haben sich eine eigene geheime Ecke in ihm geschaffen; und fürchten nichts mehr, als diese ihre ganz private Ecke der Kenntnis und der Kritik der Öffentlichkeit preisgegeben zu sehen.
Glauben Sie mir, wenn ich Ihnen sage, dass all diese Befürchtungen unbegründet sind! Nur von einer Sorge kann ich Sie nicht entlasten: Wenn Sie meinen, die Kunst würde, wenn man ihr mit gutem Gerät zuleibe rückt, am Ende weniger rätselhaft und geheimnisvoll erscheinen ...- Ja. So wird es sein. Doch einen Nachteil davon haben viel weniger die Liebhaber, Mystiker und Schwärmer als die selbsternannten Herren dieses Gebietes, die Zaubermeister und Geheimniskrämer der Kunst. Und ich leiste mir im Laufe des Folgenden die Offenheit, sie mit ihren Titeln zu benennen.

Gewachsen ist das Werkzeug, von dem hier die Rede ist, als Folge drängender Erfordernisse, aus einem Boden, der zuvor viele Jahre der Bearbeitung nötig hatte.
Anwendbar ist es auf alle Genre der Kunst: Sei es Musik, Theater, Poesie oder Film ...- und wenn Ihnen auffällt, dass sich meine Ausführungen fast ausschließlich um Beispiele der Bildenden Kunst ranken, dann liegt das lediglich an meinem ganz persönlichen Werdegang.
Ich habe einiges zur Kunstgeschichte lernen müssen, und ich kenne so manche Kunsttheorie. Ich weiß, wie man zeichnet, malt und Skulpturen macht, wie man Ausstellungen gestaltet und wie man über Kunstwerke schreibt. Diese und andere Spuren haben nicht nur Studium und eine knappe Dekade der Arbeit in einem deutschen Kunstmuseum, sondern auch die Erfahrungen der vergangenen 17 Jahre als freischaffender Künstler hinterlassen.
Das Verblüffende daran: In der ganzen Zeit habe von niemandem erfahren können, was Kunst eigentlich ist. Kein Fachmann konnte Fragen beantworten wie:
Warum kosten die Sonnenblumen eines extrem berühmten Künstlers 20 Millionen Euro - aber wenn wir sie so genau abmalen, dass man überhaupt keinen Unterschied erkennen kann, sind unsere Bilder trotzdem völlig wertlos.
Warum kann eine Skulptur, die aussieht wie ein Autounfall, einen großen Kunstpreis bekommen?
Warum darf der eine Künstler seine schmutzige Unterhose in berühmten Galerien zeigen, während ein anderer, der zwei Jahre lang an einem Meisterwerk gemalt hat, nicht "gut genug" ist?
Wann ist ein Rohr aus Plastik in einem Ausstellungsraum wichtige Kunst, und wann ist es dortselbst nur ein Teil klimatechnischer Installation und weiter gar nichts?
Wenn Joseph Beuys sich ein Brot schmiert ...- wann steckt dahinter eine künstlerische Philosophie, die die Festen der Welt ins Wanken bringt, und wann hat er einfach nur Hunger?
Was ist Kunst? Und was ist es nicht? Oder kann es sein, dass etwas manchmal Kunst ist und manchmal wieder nicht?

Vielleicht denken Sie: Kunst ist, was mich im Innersten berührt. Aber auch ein Kuss berührt im Innersten. Und ein Kuss ist keine Kunst. Jedenfalls hätten Sie oder ich große Schwierigkeiten, ihn einem Museum zu verkaufen.
Man sagt auch, Kunst lehrt uns, die Welt mit anderen Augen zu betrachten. Aber das tut auch eine Brille mit blau gefärbten Gläsern, ohne deswegen Kunst zu sein.
Man sagt, Kunst sei ein handwerklich vollkommenes Meisterstück. Doch auch ein repariertes Auto ist ein solches, ohne daraus künstlerischen Wert zu beanspruchen.
Man sagt, eine Botschaft deutlich oder originell zu formulieren, sei Kunst. Aber auch der Ruf "Mensch, ist mir schlecht!", ist eine deutliche Botschaft. Dennoch fehlt es ihm an Kunst.
Wir kennen Rembrandt und Rubens, Gainsborough und Manet, und wir wissen auch, wie moderne Ausstellungen aussehen können: Leere Rahmen, umgeworfene Mülltonnen, vergossenes Blut ...- alles liegt durcheinander, offenbart sich und versteckt sich in jenem wild wuchernden Areal, dem augenscheinlich niemand eine Ordnung abringen kann. Alles ist Kunst.

Alles ist Kunst?
Wer sagt denn eigentlich, dass das alles wirklich dazu gehört; dass das alles wirklich Kunst ist? Womöglich ahnen Sie es schon: Es sind die zuvor erwähnten Geheimniskrämer, die ich nun Kustoden, Museumsdirektoren, Kunstwissenschaftler, Galeristen und Kunsthändler nennen will. Sie sind es, die uns weismachen, alles sei Kunst, wenn sie es uns nur weismachen. Und sie haben es nicht einmal nötig, ihren Charakter als Geheimniskrämer zu verbergen. Im Gegenteil: Sie zeigen sich umso befriedigter, je weniger verständlich ihre Orakel klingen. Mehr noch: Ihre Rangordnung unter ihresgleichen steht in umgekehrter Proportion zur Menge der Menschen, die ihren Ausführungen folgen können. Und so mancher von ihnen lügt seine Zustimmung zu Unverstandenem nur, um selbst zu höherem Ansehen zu kommen. Ist ihm dies einmal gelungen, muss er seine Lüge verteidigen. Jetzt und immerdar. Es ist ein Teufelskreis, an dem der Teufel das Interesse sicher längst verloren hat.

Nun ergeben sich für uns zwei Fragen:
Erstens: Warum müssen wir diesen Spezialisten glauben?
Und zweitens: Warum sollten wir uns überhaupt dafür interessieren?

Die Antworten sind simpel: Wir müssen es glauben, weil wir es nicht besser wissen! Niemand hat uns je gelehrt, was Kunst wirklich ist. Wir haben keinen Vergleich und wir haben kein Maß. Einige von uns haben eine eigene Meinung ...- aber das ist auch schon alles.
Ja und? - Genügt das nicht? Nein, es genügt nicht! Und ich will Ihnen auch sagen, warum es nicht genügt: Weil für Kunst viel Geld ausgegeben wird. Weil mit Kunst viel Geld verdient werden kann. Die Kunst ist ein eigener und großer Bereich der Wirtschaft. Auktionshäuser, Museen, Galerien, Theater, Bücher, Zeitungen und Zeitschriften ...- nichts davon funktioniert ohne Kunst. Und alles kostet Geld. Jedes Unternehmen, jeder Staat stellt für die Kunst Geld zur Verfügung. Und jedes Unternehmen und jeder Staat benutzt die Kunst als Hilfsmittel zum Geldverdienen. Die Kunst ist ein goldener Fluss, der aus einer unerschöpflichen Quelle sprudelt. Und diese Quelle ist heilig. Wie eine geheime Sekte von Priestern haben unsere Spezialisten das Tabu darüber gesprochen und die Wachen aufgestellt. Niemand darf sich dieser Quelle nähern, niemand darf sie sehen ...- es ist schon ein Sakrileg, wenn man nur versucht, herauszufinden, was genau es ist, das aus dieser Quelle entspringt.
Und wir? Wir nehmen das Tabu und die Zauber hin, ohne Widerspruch und ohne nachzudenken - wie eine Gruppe von urzeitlichen Höhlenbewohnern. Was unser Verhältnis zur Kunst angeht, so ist die Erde noch immer eine Scheibe, und die Sterne sind an die hohe Himmelskuppel geklebt.
So viel haben wir gelernt, über die Kunst. So viel wurde uns erzählt, über die Kunst. So viele Kunstwerke haben wir gesehen. Doch warum kann trotzdem niemand sagen, was Kunst ist - ohne mit seiner Definition auch jedes andere Ding zu treffen.

Es liegt an den zwei liebsten Zaubersprüchen der künstlichen Wissenschaftler: Der erste Zauberspruch heißt: "Die Kunst ist frei. Sie kennt keine Grenzen. Alles kann Kunst sein; jeder ist ein Künstler."
Na, ist das nicht herrlich? Ist das nicht fabelhaft? Wer wollte dem widersprechen, ohne sich selbst in Ketten zu legen!
Aber warum, frage ich, darf dann nicht jeder von uns im Museum of Modern Art ausstellen? Warum werden nicht unterschiedslos jedem Schaffenden dieselben Mittel zur Publizierung eines eigenen Kataloges zur Verfügung gestellt? Weil etwa der eine Künstler besser oder schlechter ist als der andere?

Etwas stimmt nicht, mit diesem Zauberspruch. Wie frei kann die Kunst sein, wenn man sie in gute Kunst und in schlechte Kunst einteilen kann? Müsste Kunst nicht, wenn sie wirklich frei wäre, jederzeit und überall in jedweder Form den gleichen Wert haben?
Aber wir wissen alle: So ist es eben nicht. Gute Kunst wird gelobt, und schlechte Kunst wird kritisiert. Lob und Kritik sind Urteile, verlangen nach Begründungen. Wie frei kann etwas sein, über das unentwegt geurteilt wird? Ich sage: Wer vorbehaltlos von der Freiheit der heutigen Kunst spricht, weiß nicht, was er sagt, oder aber er hat gute Gründe, sein Vorhaben, Kunst immer beliebiger werden zu lassen, mit dem Mäntelchen der Freiheit zu tarnen.
Der zweite Zauberspruch - und er ergibt sich aus dem ersten - heißt: "Die Kunst lässt sich nicht definieren." Das sei ja das Schöne und Besondere an ihr. Das mache sie so reich und kostbar. Das mache sie so frei.
Aber Moment! Kunst lässt sich nicht definieren? Wenn man nicht wissen kann, was Kunst ist - mit welchem Maß, so frage ich wieder, wird dann die Qualität gemessen? Es scheint wohl auch dieser Satz eine Lüge zu sein: denn Kunst wird definiert! Allerdings dürfen wir davon nichts wissen, denn wir sollen ja glauben, dass die Kunst frei ist.
Also reden die Zeitungen und die Galeristen davon, wie künstlerisch wertvoll und innovativ der Expressionismus war. Sie erzählen von der einfühlsamen Wärme der impressionistischen Kunst, sie tischen uns das Märchen von den tiefen Gedanken auf, die in den Werken des Dadaismus deutlich werden. Sie reden von der Verflechtung der Künste, von der Philosophie der Kunst; sie reden vom Ausdruck der Malerei, von der Dynamik der Plastik, von der Schönheit einer einfachen Fläche, von dem Rhythmus einer Struktur, von der Botschaft einer Welle, vom Wert eines Zeichens ... Sie betonen immer wieder, dass es Kunst ist, von der sie reden, und dass sie über Kunst reden.
Aber hören wir einmal genau hin! Lesen wir einmal sorgfältig! Nicht ein einziger von all den Rednern redet tatsächlich über Kunst. Es ist, als würden wir einen Gärtner, der Angst hat, seine Zuhörer könnten etwas über das Lebewesen "Pflanze" erfahren, über Blumen, Bäume und Kräuter berichten hören.
Vielleicht dürfen wir den Gärtner ganz direkt fragen. Wenn er ein guter Fachmann ist, sollte er uns auch erklären können, was diese Klasse "Pflanze" ist, zu der seine Kräuter gehören.
Aber versuchen Sie bitte bei nächster Gelegenheit einmal, einen Redner über Künstler und Kunstwerke danach zu fragen, was denn diese "Kunst" eigentlich sei! Sie werden keine Antwort bekommen, die Sie verstehen können und die Ihnen helfen würde, Kunst von keiner Kunst zu unterscheiden.
Also vergessen wir den Zauber von der freien und undefinierbaren Kunst! Setzen wir uns darüber hinweg und fragen wie mündige Erwachsene: Wer versteckt diese zweifellos vorhandene Definition vor uns? Zu welchem Zweck? Und - vor allen Dingen - wie lautet sie?
Die ersten beiden Fragen sind eigentlich bereits beantwortet: Wer die Definition vor uns versteckt? Die geehrten Hüter der goldenen Quelle verstecken die Formel. Diejenigen, die ihr am nächsten stehen, wollen eine exklusive Minderheit bleiben. Sie haben natürlich kein Interesse daran, ihren Platz mit anderen zu teilen, oder ihr Beharren auf diesem Platz vor anderen begründen zu müssen. Das sind die Kunstwissenschaftler und Publizisten - unsere modernen Magier.
Wie stünden sie da, wenn sie sich und ihre verbalen Leistungen an einer Formel messen müssten? Plötzlich dürfte jedermann sie kritisieren und herausfordern? Sie sollten beweisen müssen, was sie bisher wortgewaltig behaupten durften? Auf einmal sollen ihre ganz private Meinung und ihr persönlicher Geschmack nicht mehr das non plus ultra der Kunstbetrachtung und -besprechung sein?
Eine solche Forderung wird in diesen Kreisen gewiss nicht mit Jubel begrüßt werden.
Doch auch viele andere - diejenigen, die heimlich und wie durch eine Lücke in den Büschen auf den Quell geblickt haben, fühlen sich durch diesen Anblick erhoben und meinen fortan, sie seien etwas Besseres. Sie nehmen ihren verschwommenen und ungenauen Eindruck und formulieren daraus ihr eigenes kleines Geheimnis, das sie ebenso hüten wie die großen Priester das ihre. Es sind dies die kreativen Köpfe und findigen Handwerker, die sich dann "Künstler" nennen. Und jeder von ihnen darf sich gegenstands- und inhaltslos am Trunke der Unfehlbarkeit laben, solange das Geheimnis gewahrt bleibt.
Eines ist allerdings beiden Gruppen gemeinsam: Sie hüten es so gut, dass man sich fragen kann, ob sie es denn selber überhaupt erkannt haben.
Der Künstler El Lissitzky sagte - um nun doch einmal ein Beispiel zu nennen: "Wenn du mich fragst, was die Kunst sei, so weiß ich es nicht. Wenn du mich nicht fragst, so weiß ich es."
Und Picasso selbst gestand: "Was ist Kunst? Wenn ich es wüsste, würde ich es für mich behalten."
So ist all das Geld, das für Kunst ausgegeben; all das Geld, das mit Kunst verdient wird, ein Vermögen, über dessen Verwaltung niemand wirklich Rechenschaft geben kann. Und das dient so vielen zum Vorteil, dass daran nicht gerüttelt werden soll. Den Nachteil aber hat vor allem eine zu tragen: die Kunst.
Es gab eine Zeit, in der ich mich fragte: Wie kann man es ertragen, ein Künstler zu sein?
Wenn ich dachte, dass Monet, Boldini und Turner Künstler gewesen sind, dann wollte ich für die Ehre, ihr Kollege genannt zu werden, mein ganzes Leben der Kunst widmen. Dann war ich gerne ein Künstler.
Wenn ich dachte, dass Plastinatoren, Autoperforationsartisten und andere Selbstzerfleischer, größenwahnsinnige Dekorateure und obskure Performancer Künstler genannt werden, dann wurde mir schlecht, bei der Vorstellung, als ihr Kollege zu gelten.
Aber Künstler bin ich geworden, und als Künstler sehe ich es als meine Pflicht zu wissen, was ich tue! Denn sonst müsste ich mich anders benennen. Mit einem Wort, das ich erklären kann. "Maler" oder "Bildhauer" oder "Poet". Nicht Künstler.

Weil ich kein Künstler sein wollte, der - wie scheinbar alle anderen - gar nicht weiß, was er eigentlich tut, habe ich mir folgende Prämisse gestellt: Es gibt Kunst. Also muss herauszufinden sein, was das ist.
Gesetzt den Fall - so war mein Plan - ich würde alles, was heutzutage Kunst genannt wird, genau betrachten und analysieren, dann müsste ich auf verschiedene Merkmale stoßen, die das spezielle Werk im Augenblick der Besprechung als Kunst gelten lassen. Vielleicht würde sich schließlich eine Anzahl dieser Merkmale zu einer definitiven Aussage über das Ding "Kunst" summieren.

Jeder hat sich schon einmal Fragen gestellt wie:
Warum kann ein ganz gewöhnlicher sanitärer Einrichtungsgegenstand Kunst genannt und in einem Museum aufgestellt werden; selbst nach einem Jahrhundert noch zu den Werken zählen, die in keinem Kompendium über Kunst fehlen dürfen? Nur der ungeheuerlichen Provokation wegen?
Der Mann, der seine Zuschauer mit Farbbeuteln bewirft. Warum wird er Künstler genannt? Lediglich weil hier einmal etwas ganz Neues probiert wurde?
Der Junge, der freihändig Fahrrad fährt. Weshalb redet man bei ihm von Kunst? Weil er etwas kann, wofür er lange üben musste?
Oder die Bleistiftzeichnungen eines berühmten Musikers. Wie kommt man auf die Idee, hier von Kunst zu sprechen? Nur deshalb, weil der Mann so einen hohen Bekanntheitsgrad hatte, dass jedes Zeichen seiner Taten oder seines Daseins wie ein Fetisch begehrt und quasi als Splitter vom KReuz gehandelt wird?
...
Ich wollte versuchen, verschiedene Symptome und Erscheinungen, die uns in Verbindung mit Kunst immer wieder begegnen, auf möglichst kleine gemeinsame Nenner zu bringen, Essenzielles von schmückendem und störendem Beiwerk zu trennen und Entbehrliches zu eliminieren, bis übrig bleibt, worauf man nicht mehr verzichten kann: Merkmale für Kunst.
Und als nächsten Schritt, diese so erkannten Merkmale auf die ganz großen und historisch lange erprobten Werke der Kunst anzuwenden. Wenn jedes beliebige dieser Großen und Wahren Kunstwerke alle Merkmale zeigte, die ich gefunden habe, dann hätte ich ein Ergebnis, mit dem ich es wagen könnte, Kunst tatsächlich zu beschreiben.
Diese Beschreibung wollte ich als das versprochene Werkzeug nehmen, mit seiner Hilfe Kunst von Nichtkunst zu unterscheiden und erkennbar zu machen.

Der Weg war lang, und ich bin gewiss, dass er mich bereits an lohnende Ziele gebracht hat. Dass ich ihn trotzdem immer noch weiter gehe, liegt an meinem Wunsch, das gefundene Gerät noch schärfer, effizienter und universeller werden zu lassen, als es derzeit ist. Deshalb lade ich Sie ein, mich auf der bisher gegangenen Strecke zu begleiten.
Wo ich beginnen musste, wenn ich nicht schon ganz am Anfang im sumpfigen Gebiet von Spekulation und kunstwissenschaftlichem Wunschdenken versinken wollte, war mir klar: Bei realen Dingen, die vorhanden sind und denen ein Wert beizugeben ist. Nur dann, wenn etwas zu sehen, zu hören, zu berühren, zu schmecken, zu riechen oder zu begreifen ist, kann man über diese Eigenschaften reden. Man muss es wahrnehmen können, es muss da sein, existieren.
Dieser Eigenschaft des schlichten Vorhandenseins gab ich zu Anfang den Namen "Dekoration" (So finden Sie es auch in meinen ersten Veröffentlichungen zum Thema.) - meine aber jetzt, dass das Wort "Wahrnehmbarkeit" den Punkt besser beschreibt. Die Wahrnehmbarkeit also sollte mir als die erste Eigenschaft gelten, die Kunst haben muss. Je wahrnehmbarer und erfahrbarer dieses Ding war, umso höher sollte sein Wert sein. (Rein quantitativ gesehen, macht ein abendfüllendes Werk für Orgel und Orchester eben mehr her als ein Jingle für eine Werbesendung, und Michelangelos Decke der Sixtinischen Kapelle ist irgendwie eindrucksvoller als eine von Picasso signierte Serviette.)
Doch apropos Michelangelo und Picasso: Da es Kunst gibt, muss es auch jemanden geben, der diese Kunst macht: Den Künstler.
Aber woran erkennt man einen Künstler?
Ich bin der Überzeugung, einen wirklichen Künstler erkennt man daran, dass die Kunst sein Leben, sein Schicksal ist. Vielleicht liegt darin der Grund dafür, dass so viele Künstler erst nach ihrem Tode berühmt wurden und werden: Eigentlich kann nur ihre abgeschlossene Biografie wirklich darüber Auskunft geben, ob sie Künstler waren oder nicht. Aber ob er nun für ewig oder nur für einen kleinen Zeitraum; wenigen Leuten bekannt oder der ganzen Welt berühmt ist: Der Künstler ist als solcher Person des öffentlichen Lebens. Die Bedeutsamkeit dieser Person wäre dann also auch wichtig für die Kunst, derer sie sich befleißigt. Ich dachte an Künstler wie Dalí und John Lennon und mir drängte sich der Begriff "Egomanie" auf, doch inzwischen beschloss ich, diese Eigenschaft "Persönlichkeit" zu nennen. Je anerkannter die Person des Künstlers ist, umso größer wäre der Wert des von ihr geschaffenen Kunstwerkes.
Was aber wäre ein Kunstwerk, wenn niemand darüber reden würde? Wenn niemand darüber reden würde, weil es niemanden gibt, der sich dafür interessiert? Es wäre weniger als nichts. Also muss Kunst es schaffen, eine Beziehung zu einem Publikum herzustellen. Sie muss auf sich aufmerksam machen, zu den Leuten sprechen wollen, sie muss die Menschen etwas angehen und in ihnen etwas bewirken. Vielleicht ein Gefühl auslösen oder einen Gedanken wecken. Man sieht es als Zeichen doch deutlich genug: So viele zeitgenössische Kreativität meint, ein Publikum, das durch tägliche Konfrontation mit unseren Massenmedien abgehärtet ist, nur noch mit Elementen brachialen Schocks ansprechen zu können. Diese Wirkung wollte ich "Therapie" nennen. Je mehr also eine Arbeit bewirken würde, umso wertvoller wäre sie als Kunst.

Und mit Blick auf die von einem Kunstwerk erreichte Wirkung war die nächste Eigenschaft fast schon zum Greifen nahe: Je öfter eine Sache wiederholt wird, umso mehr gewöhnt man sich daran. Bis diese Sache schließlich so uninteressant wird, dass sie gar nichts mehr bewirkt. Das könnte genau der Grund dafür sein, dass kopierte oder oft gemalte Motive - auch wenn sie noch so gut gemacht sind - auf der Scala der Kunst nie ganz oben stehen werden. Vielleicht sind die größten Wirkungen mit ganz neuen Ideen zu erreichen. Und dies verdächtigte ich als vierte der Eigenschaften, die Kunst haben würde: "Experiment". Es wäre wohl wichtig, immer wieder etwas Neues zu erfinden. Neue Inhalte, neue Zusammenhänge, neue Darstellungen. Womöglich wäre der Wert eines Kunstwerkes umso höher, je origineller und einzigartiger es war. Und auch für eine solche Vermutung finden wir genügend Beweise im aktuellen Kunstgeschehen.
Die Frage, ob dies von jemandem erreicht werden wird, der ungeschickt, faul oder dumm ist, stellt sich kaum: Wer solche Werke schafft, muss nicht nur wissen, wie man es macht, sondern er muss es auch können. Beides, Wissen und Können, dürfen sich als Ergebnisse permanenten Lernens und harter Arbeit ständig steigern. Es wäre solides Handwerk und eine wirkliche Wissenschaft. Und so wollte ich die fünfte Eigenschaft auch nennen, die ein Kunstwerk zeigen sollte: "Wissenschaft". Bestimmt wäre der Wert eines Kunstwerkes umso höher, je besser und geschickter es gemacht war.
Hatte ich damit bereits alle Elemente gefunden, die eine Arbeit haben muss, um zu einem Kunstwerk zu werden? Doch dann dachte ich an Dinge wie zum Beispiel eine der ersten Dampfmaschinen von Stevenson: Da war etwas. Es war von einer Persönlichkeit geschaffen. Es bewirkte große Aufregung. Es war neu. Wahrnehmbarkeit, Persönlichkeit, Therapie und Experiment waren ebenso vorhanden wie Wissen und Können. Und doch ist diese Dampfmaschine nicht als Kunstwerk in die Geschichte eingegangen, sondern als eine technische Erfindung. Wir kennen Stevenson nicht als Künstler, sondern als Ingenieur und großen Erfinder.
Was mochte also noch fehlen, um aus einem solchen Ding eigentliche Kunst zu machen? Fehlte vielleicht nichts als die ausgesprochene Absicht, Kunst zu sein? Fehlte etwa eine Botschaft, die ganz direkt zu den Leuten sprach? Fehlte das Vorhaben der Kommunikation? Das konnte ich mir vorstellen, zumal mir Kunst genannte Schöpfungen bekannt waren, deren Inhalt ausschließlich aus Kommunikation, bis hin zur Propaganda, bestand. Und so wollte ich dieses Element "Botschaft" nennen. Je bedeutsamer die Mitteilung wäre, die eine Person dem Publikum mit einer Arbeit gab, umso bedeutsamer könnte diese Arbeit auch als Kunstwerk sein.
Dann hätte ich zugegebenermaßen gerne noch ein siebtes Element entdeckt, um die magische Zahl zu erreichen. Doch es ist mir nicht gelungen. Die Kombination aus den sechs Elementen: Wahrnehmbarkeit, Persönlichkeit, Therapie, Wissenschaft, Experiment und Botschaft schien das richtige Rezept zu sein. Und ich glaube, jedes wirkliche Kunstwerk besitzt ganz genau diese Zutaten. Nichts, was alle diese Zutaten besitzt, wird zu Unrecht "Kunst" genannt werden. Doch wenn auch nur eine einzige fehlt, kann das Ding alles mögliche sein: Eine Erfindung, ein repariertes Auto, ein Gespräch oder ein Blumenstrauß ...

Inzwischen habe ich die Formel an unzähligen Kunstwerken erprobt.
Ich darf sagen: Sie hat immer funktioniert. Und zwar, ohne meine persönlichen Favoriten in Schutz zu nehmen oder Gegenstände, denen meine persönliche Abneigung gilt, zu diskreditieren.

Das möchte ich auch an einigen Beispielen zeigen. Aus Gründen der Urheber- und Urheberpersönlichkeitsrechte darf ich nicht jede beliebige Abbildung in meinen Dienst stellen. Doch wenn es Ihnen Spaß macht, können Sie später, ganz für sich selbst, auch Werke von Picasso, Miro, Paul Klee, Modigliani oder Joseph Beuys auf die Wagschale legen und sich natürlich auch an Musikern, Schauspielern und Interpreten versuchen.

[Bild: Rembrandt] Niemand wird sagen, dass das keine Kunst sei. Mit diesem Bild kann man einen Salon ebenso wie ein Museum schmücken. Es ist unübersehbar vorhanden, und ebender Tatsache will ich hier mit dem "Wahrnehmbarkeits-Balken" Rechnung tragen. [Balkendiagramm mit den sechs Elementen]

Übrigens kann man gewiss darüber diskutieren, ob die einzelnen Balken des Diagramms mehr oder weniger gefüllt werden sollten, als ich das hier im folgenden tun werde. Man würde bestimmt auch Werte finden, die man als Norm und Vergleich benutzen kann. Doch diese Forschung will ich ruhigen Gewissens unseren Spezialisten überlassen, damit sie nach ihrem Sturz vom Thron geheimnisvoller Unfehlbarkeit doch wieder eine sinnvolle Aufgabe haben. Mir geht es im Moment nur um das Prinzip, das ich hiermit verdeutlichen möchte:

Die Wirkung des gezeigten Bildes - auch nach über dreieinhalb Jahrhunderten noch - zeigt sich an den Tausenden von Menschen, die davor stehen bleiben und es bewundern. Ein guter Grund dafür ist schon die malerische Technik, mit der es realisiert ist. Ich glaube, auf dem Gebiet der künstlerischen Handhabung von Farbe und Pinsel ist hier keine Steigerung mehr möglich, weshalb ich das Feld bis zum Anschlag ausfülle. Zu des Künstlers Eigenarten zählt das Spiel mit ganz warmen, stimmungsvollen Lichteffekten, die man durchaus als gelungenes Experiment betrachten kann. Der Name Rembrandt ist weltweit bekannt. Auch hier scheint mir ein "Mehr" an Bekanntheitsgrad kaum möglich. Sicherlich ließe sich das Element der Botschaft noch steigern. Gut, es ist das Porträt eines alten Mannes. Aber ein Wissenschaftler, der versucht, hier tiefer zu gehen und mehr herauszufinden, darf sicher sein, dass er sich mit Kunst beschäftigt.

[Bild: Manet] Ebenfalls interessant ist dieses Werk: Ohne den Titel würde es uns einen Jungen zeigen, der Seifenblasen bläst. Inhaltlich also nichts Besonderes. Sobald wir uns aber der Bezeichnung zuwenden, können wir das Bild mit anderen Augen betrachten: Weshalb macht uns der Titel nicht mit der Person des Jungen bekannt, sondern unterstreicht nur das, was ohnehin offensichtlich scheint? Damit gibt uns Manet eine Perspektive vor, aus der wir uns dem Werk fortan nähern sollen. Er macht Nebensächliches zum Standort des Beobachters und bringt es dadurch fertig, die Aufmerksamkeit - zwar aus der Distanz, jedoch dafür nun umso schärfer - auf den Jungen zu richten. Es ist eine Manipulation, mit der der Künstler die Wirkung seiner Schöpfung auf ein Publikum berechnete. Auch Edouard Manet ist ein weltbekannter Name.

[Bild: Boldini] Das hier zu sehende Gemälde von Giovanni Boldini scheint - von der künstlerischen Auffassung und Realisierung der Darstellung - eine Vorwegnahme moderner Farbfotografie zu sein. Ein gemalter und malerischer Schnappschuss, der die Steifheit und Ungelenkigkeit gängiger Familienbildnisse ganz und gar vermeidet; ja, durch Farbe, Perspektive und Dynamik eine äußerst aktive Beziehung zum Betrachter herstellt; persönlich und unmittelbar. Durch ein solches Experiment erzielt Boldini eine spezielle Wirkung auf sein Publikum. Das Gemälde fällt übrigens auch durch seine, im "Wahrnehmbarkeits"-Balken berücksichtigte, Größe auf, die auf ihre Art die Wertschätzung zeigt, die der Meister seinem Sujet entgegen brachte. Der Titel verrät, um wen es sich handelt ...-

[Bild: Pseudo-Dalí] Und hier: Wäre das Bild tatsächlich von Dalí geschaffen, dürften wir eine Künstlerpersönlichkeit par excellence attestieren. Bekanntermaßen beherrschte er die Techniken der Zeichnung und Malerei wie ein Alter Meister, und vor allen Dingen versah er seine Schöpfungen mit Titeln, die - oft als eigenständige literarische Kunstwerke auftretend - ein Spektrum an Interpretationsmöglichkeiten über seine Gemälde breiteten, das die von ihm angestrebte Visualisierung surrealer Traumwelten effektvoll unterstützte. Eine Wirkung, der sich kaum jemand entziehen kann.
Mit dieser Abbildung möchte ich auf den Künstler Joan Miró verweisen, dessen Name aus der Geschichte der Kunst ebenfalls nicht wegzudenken ist. Hätte er dieses Blatt signiert und tatsächlich "Badespaß" genannt, würde er die Botschaft nicht sehr wichtig genommen haben. Doch mit dem Element Experiment schuf Joan Miró auf jeden Fall eine ganz eigene Kunst.

[Bild: Pseudo-Munch] Das Gemälde "Der Schrei" des Norwegers Edvard Munch, braucht man nur noch grob zu umreißen, um fast jedermann eine Vorstellung von Aussehen und Inhalt dieses Werkes in Erinnerung zu rufen. Eine Arbeit, die eigentlich ausschließlich durch die Intensität des Gefühls wirkt, das sie in ihren Betrachtern auslöst. Ein Gefühl freilich, an dessen Entstehung Sujet, Technik und Ausführung und nicht zuletzt der Titel mitwirken.

[Bild: Kinderzeichnung] ... und selbst viele Zeichnungen und Malereien von Kindern erfüllen die Kriterien für wirkliche Kunst; wenn auch durch das Fehlen von Lebenserfahrung Technik, Persönlichkeit, Botschaft und kalkulierte Wirkung noch nicht sehr entwickelt sein können.

Meiner Meinung nach darf man den Wert eines Kunstwerkes tatsächlich nach der Qualität der einzelnen Elemente bestimmen, aus denen es sich bildet.
Wie ist es aber mit jenen anderen Dingen, derer wir bis zum Erbrechen viele vorgesetzt bekommen? Was ist mit Exponaten, denen eines oder gar mehrere der erkannten Elemente fehlen? Auch sie werden oft "Kunst" genannt.

[Bild: Pseudo-Duchamp] Das mag eine abenteuerliche Provokation wie diese, hier zu Ehren von Marcel Duchamp aufgestellte, sein; ein "Werk" in dem Handwerk und Botschaft des Artisten völlig fehlen. Wenn das Kunst wäre, dann wäre tatsächlich alles irgendwie Vorhandene Kunst, und wir würden uns des Vandalismus schuldig machen, sobald wir auch nur eine Flasche Wein entkorken!

[Bild: Pseudo-Affe] Oder nehmen Sie zum Beispiel Zeichnungen von Affen, in denen natürlich weder von Persönlichkeit noch von Wissenschaft, Experiment, Botschaft oder bewusst gewollter Wechselwirkung mit dem Betrachter die Rede sein kann. Wenn das Kunst wäre, dann wäre tatsächlich alles Kunst, und jeder Affe könnte im Louvre ausstellen.

[Bild: Pseudo-Mondrian] Lassen Sie uns auch von steriler Ästhetik reden, wie hier von geometrischen Ornamenten, die an jene Mondrians erinnern, der mit seinen Kästchen aber auch gar nichts zu sagen hat. Wenn das Kunst wäre, dann wäre tatsächlich alles Kunst, und auch das Schnittmuster aus der Heimstrickzeitung wäre den Kauf eines goldenen Rahmens wert.

[Bild: Pseudo-Pollock] Es mag ebenfalls das Resultat spontaner Motorik sein; wie in diesen neckischen Farbklecksereien zu bestaunen ist. Jackson Pollock ist mit Ähnlichem berühmt geworden, worin er den Zufall an die Stelle des Könnens treten lässt und mit dem Produkt zufällig nichts mitteilt. Wenn das Kunst wäre, dann wäre tatsächlich alles Kunst, und der Versicherungswert Ihres Grundbesitzes würde sich auf Anhieb vervielfachen, sobald Sie einen Eimer mit Farbe umstoßen.

[Bild: Pseudo-Judd] Wir werden in namhaften Sammlungen auch mit von Maschinen in Form gegebene Mathematik konfrontiert, wie mit Installationen wie dieser hier, für die mir kein Grund einfallen will, weshalb sie nicht von Donald Judd oder Sol Le Witt signiert sein sollte, und die - man glaubt es kaum - noch weniger Anliegen hat als Mondrian, und es obendrein fertigbringt, der menschlichen Tätigkeit völlig zu entsagen.

[Bild: Pseudo-Rauschenberg] Oder ein makelloses Gar Nichts wie dieses:
Lächerlicher Schwachsinn, der unzählige Male kopiert und variiert wurde und werden kann, weil Museen sicher sein dürfen, dass sie etwas Fehlerfreies kaufen, wenn sie ein solches Bild erwerben. Denn: Wer nichts macht, macht auch nichts verkehrt. Es gibt dieses "Kunstwerk" übrigens auch als Dipty- und Triptychon, auf Wunsch mit Predella, und nicht nur in Weiß von Robert Rauschenberg, sondern in unterschiedlichster Monochromie; Grau von Agnes Martin, Rot von Marc Rothko, Schwarz von Ad Reinhardt ...

Wenn das alles Kunst wäre, dann wäre tatsächlich alles Kunst, und niemand, der von sich behauptet, er liebt die Kunst, dürfte irgend etwas nicht lieben! Der müsste den Diebstahl ebenso lieben wie den Gesang der Vögel; den Mord ebenso wie den Regen und die Sonne; den Krieg so wie den Frieden.
Wenn wirklich alles Kunst sein kann, dann muss auch alles Kunst sein dürfen.
Und in diesem Falle wäre das gesamte Konzept "Kunst" absurd. Dann wäre es nicht nötig, dass wir über Kunst sprechen, nicht nötig, dass wir Kunst machen. Dann würde Kunst von selbst und aus sich selbst entstehen; ohne Rücksichten auf Wie, Wann und Wo, Inhalt oder Material, Sinn oder Botschaft.

So ist es aber nicht. Es wird besprochen, es wird gemacht, und trotz aller laut proklamierten Freiheit werden Rücksichten zuhauf genommen. Doch nicht auf die Kunst, sondern auf andere Interessen, die die Kunst in unzählige Zwänge einbinden, auf dass sie eine fügsame Rolle in der kulturellen Nahrungskette spiele. Und je freier - sprich: je beliebiger - Kunst wird, umso leichter lässt sie sich zwingen, manipulieren und benutzen.
Und niemandem wird das Recht zugestanden, diese Tatsache anzuprangern.
Ich, als Künstler, prangere sie an. Ich möchte wissen dürfen, was Kunst ist. Auch wenn dies bedeutet, dass ich entdecken muss, dass es auf dem Kunstmarkt, in der Kunstszene und in der Kunstgeschichte Dinge gibt, die nun einmal beim besten Willen nicht dazu gehören.

Diese Entdeckung bleibt nicht aus, wenn man das Werkzeug hat und es zu bedienen weiß. Dann erkennt man, dass all diese Werke, die da "Kunst" heißen, ohne die sechs Elemente in sich zu vereinen, diese Bezeichnung nicht benötigen oder nicht verdienen. Ich bin der Meinung, dass man solche Dinge mit ihrem wahren Namen benennen kann und darf: Zum Beispiel "Dekoration" oder "Idee" oder "Handwerk" oder "Provokation" oder, in den allermeisten Fällen, schlicht und einfach "Business".
Denn wie oft wird "Kunst" als Wertanlage betrachtet und benutzt! Kaufpreise, Versicherungssummen, Versteigerungswerte der absurdesten Schöpfungen klettern mit sogenannten Multiplikatoren um die Wette. Multiplikatoren wie Veröffentlichungen, Skandalen, Besprechungen, die - auch wenn sie allesamt überhaupt nichts mit Kunst zu tun haben - doch durch und durch künstlich sind. Denn - und hier haben wir den wahrhaftigen Grund der so vehement beschworenen Undefinierbarkeit der Kunst - es sind selten wirkliche Kostbarkeiten; es ist selten ein Material- oder ein verinnerlichter Wert, der hier auf den Markt geführt wird, sondern es handelt sich um nichts als um den Börsengang unbeweisbarer Behauptungen!
Diese Unbeweisbarkeit zu verschleiern, bildet man eine drängelnde Menge professioneller und durchaus kluger Begründer und Erklärer aus; Kunstwissenschaftler, die sich in ihrem Bemühen, Unbeweisbares zu beweisen, tatsächlich nicht wesentlich von Priestern unterscheiden, und die sich ihr Geld dann auch mit harter Arbeit verdienen. Denn es ist trotz geläufiger Übung immer wieder schwer, den Leuten zu erklären, warum man eine Million Euro aus Steuermitteln für eine Blechkiste ausgibt, die Schlosser Willi uns für einen knappen Hunderter zusammenschweißen würde. Oder warum man ein Vermögen für eine Sammlung von krummen Linien bezahlt, die der Kindergarten aus dem Nachbardorf ganz umsonst herstellen könnte.
Es muss jedesmal aufs neue bewiesen werden, weshalb es unbedingt nötig ist, so riesige Geldsummen für baren Unsinn zu bewegen. Und die Beweise müssen so tiefsinnig ausgedacht, so geschickt formuliert, so fein gesponnen sein, dass der Zweifler die Waffen streckt und Überlegenheit anerkennt, wohin er nicht mehr folgen kann. Ist er auf diese Art entmündigt worden, wird er auch kaum noch an die Frage denken, in wessen Tasche dieses Geld am Ende tatsächlich bewegt und aus wessen Tasche es bezahlt wird.
Aber wie gesagt: Sobald es nur gelingt, die Transaktion in das Mäntelchen der Kunst zu kleiden, darf man jedem, der das nicht versteht, auf die Schulter klopfen und ihn trösten, dass Unverständnis an dieser Stelle vollkommen normal sei. Etwas so ganz und gar Freies und Undefinierbares wie die Kunst muss sich ja sogar den allerklügsten Geistern entziehen.

Die ehrliche Antwort auf die Frage danach, weshalb die Kunst so frei und undefinierbar bleiben muss, wäre: "Damit wir mit dem Geld tun können, was wir wollen."
Das ist der Grund, aus dem so ein Geheimnis um die Kunst gemacht wird. Das ist der Grund, aus dem wir glauben sollen, dass Kunst ganz und gar Alles Mögliche und Alles Unmögliche sein darf.

Würde es mich in meinem Sein als Künstler nicht ebenfalls betreffen, dürfte ich mit freudiger Genugtuung auf die Entwicklungen der Kunstszene schauen, die sich als logische Folge der unerbittlichen Diktatur der künstlerischen Freiheit abzuzeichnen beginnen.
Ich kann es mir nicht verkneifen, hier ein Zitat einzuflechten, das, vor 128 Jahren geschrieben, diese Entwicklung bereits voraussah:

"Wenn es den Nebeln einer metaphysisch-mystischen Philosophie gelingt, alle ästhetischen Phänomene undurchsichtbar zu machen, so folgt dann, daß sie auch untereinander unabschätzbar sind, weil jedes einzelne unerklärlich wird. Dürfen sie aber nicht einmal mehr miteinander zum Zwecke der Abschätzung verglichen werden, so entsteht zuletzt eine vollständige Unkritik, ein blindes Gewährenlassen: daraus aber wiederum eine stetige Abnahme des Genusses an der Kunst. [(...)] Je mehr aber der Genuss abnimmt, umso mehr wandelt sich das Kunstverlangen zum gemeinen Hunger um und zurück, dem nun der Künstler durch immer gröbere Kost abzuhelfen sucht."
Friedrich Nietzsche, 1886

Einerseits haben sich studierte und selbsternannte Spezialisten so weit hinaus aufs Eis begeben, dass sie nun, wo es unter ihnen zu knirschen beginnt, keine Richtung mehr sehen, in die sie sich in Sicherheit bringen könnten: Wenn Expertisen sich immer öfter und immer sichtbarer zu fantasievollem Glaubensbekenntnis degradieren ...- wer schenkt ihnen dann noch Glauben? Wo bleibt ihr Wert, und damit der Wert der Expertisenschreiber?
Wenn Kunstwissenschaftler Gutachten für Originale herstellen, die sich im nachhinein dann doch als Fälschungen erweisen, erkennt jeder Laie, dass ein wissenschaftliches Gutachten wohl bedeutender ist als die Kunst, um die es in ihm geht.
So ist es um die Kreditwürdigkeit der Experten schlecht bestellt, und es wird schlechter werden - auch wenn ihre Sprüche immer toller und die besprochenen Geldbeträge immer utopischer werden. Es wird zum Theater pour le Theater, und Kunst ist dafür nur noch entbehrliche Kulisse.
Daraus ergibt sich das Andererseits, die andere Seite der Freiheitsmedaille: Sowohl für Schöpfer und Händler als auch für den Genießer von Kunst schiebt sich das Rezept "Kunst ist, was mir gefällt" in den Vordergrund. Woraus sich zwangsläufig eine Verlagerung in Richtung Bloße Dekoration ergibt. Ob Blumenstilleben oder Abstrakter Expressionismus ... Verschiedenes gefällt verschiedenen Augen; wogegen auch nichts zu sagen ist, außer, dass das mit Kunst nicht immer etwas zu tun haben muss. Aber auf diese Art reduziert sich Kunst auf Handwerk und der Künstler zum Dienstleister in Sachen Dekoration; jedenfalls dort, wo es nicht um massen- und damit werbewirksamen Skandal geht und Kunst und Künstler sich zu Hofnarren intellektueller Dekadenz verstümmeln lassen.
Die so viel proklamierte und so vehement verteidigte Freiheit der Kunst ist auf dem besten Wege, der Kunst alle Freiheiten und Möglichkeiten zu entziehen; sie von ihrem Dasein zu befreien, sie bedeutungslos zu machen.

Mit Weiterentwicklung und konsequenter Anwendung des von mir gefundenen Werkzeugs der Sechs Elemente verlöre die Kunst zwar ihre Freiheit, zugegeben, doch dafür gewönne sie neben endlich wieder erkennbarer Substanz unendlich viele Möglichkeiten:

Ein Künstler, in seinem Bewusstsein als Persönlichkeit, wüsste, dass er ein Leben lang an sich arbeiten könnte, ohne je alle Möglichkeiten seiner Person bis an die Grenzen auszuschöpfen. Was käme der Freiheit näher?
Ein Künstler, in seinem Bewusstsein als Fachmann, wüsste, dass er ein unendliches Arsenal an Werkzeug und Material, an Techniken und Kombinationen für die Realisierung seiner Werke zur Verfügung hat. Kein Leben wird ausreichen, alle zu ihrer Nutzung gehörenden Fertigkeiten zu erlernen. Was käme der Freiheit näher?
Ein Künstler, in seinem Bewusstsein als Botschafter, wüsste, dass es mehr Formen der Mitteilung gibt als Sprachen, in denen es mitgeteilt werden könnte; dass ein einziges Anliegen auf so viele Art und Weise überbracht werden kann, dass ein Ende weit und breit nicht in Sicht ist. Was käme der Freiheit näher?
Ein Künstler, in seinem Bewusstsein als Katalysator und Bewirker, wüsste, dass ihm alle Felder der Philosophie, der Psychologie ...- aller Wissenschaft und Phantasie ihre Ernten darbieten, sie durch sein geschaffenes Werk an Betrachtern oder Zuhörern zu erproben. Was käme der Freiheit näher?
Ein Künstler, in seinem Bewusstsein als Neuerer und Forscher, wüsste, dass die Grenzen für Neuerung und Forschung ganz allein in ihm selbst liegen. Was käme der Freiheit näher?
Und schließlich: Ein Künstler, in seinem Bewusstsein als Schöpfer, wüsste, dass er seiner Kunst jeden Tag ein frisches Gewand, eine neue Form, eine anders bemessene Quantität geben dürfte, ohne Form, Gewand und Quantität jemals zu ermangeln. Was käme der Freiheit näher?

All diese Freiheit - für ein einziges Muss: Ein Künstler muss in seinem Bewusstsein alle sechs Bewusstseine vereinen. Er muss Persönlichkeit, Handwerker, Botschafter, Forscher, Therapeut und Schöpfer sein.
Und - Sie haben die Kinderzeichnung gesehen - das ist gar nicht so schwer.
Schwer wird es, wenn der Künstler sich bemüht, diese sechs Elemente in sich zu möglichster Vollendung zu bringen.

Aber dafür ist gute Kunst ja schließlich auch etwas ganz Besonderes und nicht nur ihr Geld wert, sondern auch die Zeit und die Opfer der Spezialisten, die sich um ihre volle Aus- und Bedeutung bemühen.

Und damit habe ich Ihnen das versprochene Werkzeug, seinen Aufbau und seine Wirkungsweise erklärt und Ihnen verraten, wie Sie damit umgehen können. Ich wünsche es mir, wie gesagt, immer noch verbessert, denn es bleibt nicht nur die Aufgabe, ein wirkliches Maß für die Qualität der einzelnen Elemente zu finden, sondern es sind auch noch andere Fragen zu klären. Fragen nach dem Verständnis von Kunst in anderen Kulturen und anderen Epochen beispielsweise, die Kunst nicht zuletzt als Gegenstand gesellschaftlicher Übereinkunft vor dem Hintergrund tradierter Denk- und Handlungsweisen sehen und sahen.
Doch ich bin sicher, dass ein zuverlässiges und objektives Werkzeug für unseren Umgang mit der Kunst Jetzt und Heute unentbehrlich ist, wenn dieser irgend einen Sinn behalten soll.

Zum Schluss noch ein kleiner Trost für alle, deren Helden ich womöglich ihres Sockels beraubt habe: So manch ein Ergebnis des Kunstgeschehens kann zwar nicht zur Kunst selbst gezählt werden, ist jedoch köstliche Episode aus der Geschichte der Kunst, die der Kunst unentbehrlich war und tatsächlich zu ihrer Entwicklung beigetragen hat.
Und für jene, die sich ihres geheimen Gartens verlustig gegangen wähnen: Die sechs Elemente der Kunst in höchster Vollendung in einem einzigen Werk vereint ...- müssen Ihnen nicht zwangsläufig besser gefallen als ein anderes Objekt in minderer Vollendung oder ein herrliches Stück vollkommenen Handwerks. Oder als sonst irgend etwas, das besser zu Ihrer Einrichtung oder Ihrem Sinn für Harmonie und Schönheit passt. Denn ohne Rücksicht auf Maß und Wert bleibt der persönliche Geschmack, der es Ihnen ganz und gar erlaubt, sich einen blauen Halbkreis ohne Titel an die Wand zu hängen, solange Sie ihn nicht "Kunst" nennen.

Es ist nämlich nicht alles Kunst.
Aber jeder ... kann! ... ein Künstler sein.